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Die Siedlung Praunheim ist als Teil eines großangelegten Bauprojekts zur Beseitigung der aus dem 1. Weltkrieg resultierenden Wohnungsnot entstanden. Aufgrund hoher Preise für Bauland, war es in dieser Zeit so gut wie unmöglich, Wohnraum mit niedrigen Mieten zu schaffen.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann berief im Jahre 1925 Ernst May als Stadtbaurat und Siedlungsdezernent, um diesem Problem in Frankfurt Herr zu werden. In diesem Jahr waren hier 30.000 Wohnungssuchende gemeldet, d. h. beinahe 6,5% der Stadtbevölkerung (bei einer Gesamteinwohnerzahl von 467.520). Im Herbst 1925 wurde daher im Stadtparlament ein Zehnjahresprogramm für den Wohnungsbau unter dem Namen "Neues Frankfurt" beschlossen, in dessen erster Hälfte bis 1930 12.000 Wohnungen errichtet wurden.

Die Siedlung Praunheim wurde zu dem Zweck errichtet, Familien im Rahmen des 1920 verabschiedeten Reichsheimstättengesetzes den Erwerb eines Einfamilienhauses zu günstigen Bedingungen zu ermöglichen. Dieses nach den politischen Vorstellungen des Bodenreformers Adolf Damaschke gestaltete Gesetz, sah vor, dass der Eigentümer eines als Reichsheimstätte genutzten Eigenheims vor den Forderungen von Gläubigern und somit vor der Zwangsversteigerung geschützt war, indem er mit dem Herausgeber der Heimstätte (im Fall der Siedlung Praunheim der Stadt Frankfurt) einen bindenden Heimstättenvertrag abschloss, der der Stadt ein Vorkaufsrecht vor Nichtverwandten einräumte, Hypothekenbelastung nur zweckgebunden zur Instandhaltung der Heimstätte ermöglichte, sowie eine Preiskontrolle durch den Heimstättenherausgeber vorsah. Hierdurch sollte die dauerhafte Zweckerhaltung als sozial gebundener Wohnort gewährleistet und die spekulative Verwertung durch den Eigentümer verhindert werden. Das Vorliegen eines Heimstättenvertrags wurde als sog. "Heimstättenvermerk" ins Grundbuch eingetragen. Die Siedlung Praunheim war bis zur Aufhebung des Reichsheimstättengesetzes im Jahre 1993 die größte Reichsheimstättensiedlung überhaupt.

Fester Bestandteil des Praunheimer Reichsheimstättenvertrags war auch, dass die Siedler einen Siedlerverein zu gründen hatten, durch den sie ihre internen Angelegenheiten regeln, sowie ihre Interessen nach außen vertreten konnten.

Zur Finanzierung des Reichsheimstättenprogramms wurde in Deutschland unter Hausbesitzern die Hauszinssteuer eingeführt. Mit dieser Steuer sollten die Gewinne abgeschöpft werden, die Immobilienbesitzer während der Inflation von 1922/23 erlangt hatten, weil die Schulden auf den Immobilien entwertet wurden, die Häuser selbst aber ihren Wert behalten hatten. Aus dieser Hauszinssteuer wurden pro neuerrichteter Wohnung eine Hypothek von 6000,- Goldmark zu einem Zinssatz von 1 bis 3% ausgeschüttet. Weitere Finanzierungsinstrumente waren Zuschüsse aus dem Stadtetat, sowie Darlehen der städtischen Sparkasse zu 8% Verzinsung.

Um die Baukosten niedrig zu halten, konnte wegen der hohen Bodenpreise kein als Bauland ausgewiesener Grund für die Realisierung der Siedlung herangezogen werden. Stattdessen wurden landwirtschaftlich genutzte Flächen am Stadtrand gewählt und durch Anwendung der Preußischen Behebungsverordnung von 1920 insgesamt 32 ha Land für das "Niddatal-Projekt" (die Siedlungen in Praunheim und der Römerstadt) per Enteignung in Kommunalbesitz überführt, denn einige Landbesitzer weigerten sich, ihr Land zu verkaufen oder forderten überhöhte Preise. Statt eines geforderten Quadratmeterpreises von bis zu 15 Mark, musste die Stadt per Gerichtsbeschluss somit nur 3,50 Mark pro m² bezahlen.

Gewählt wurde das Gebiet im Vorfeld des zum Niddatal abfallenden Berg Ebel (auf dem Berg selbst steht heute die Heinrich-Lübke-Siedlung) zwischen der "Mainzer Straße" (Heerstrasse) und der "Hainstraße" (Sandplackenstraße). Die einzige Bebauung in diesem Gebiet war das Hofgut der Waisenhausstiftung, sowie einige wenige Häuser und ein Bauernhof. Um das Baugelände herum befanden sich insgesamt fünf Ziegeleien.

Zunächst wurden gegenüber der Ostmauer des Hofgutes in der Straße „Am Hofgut“ zehn Versuchshäuser in Plattenbauweise errichtet. Anschließend wurde die gesamte Siedlung in drei Bauabschnitten von Mai 1926 bis Dezember 1929 erbaut:

  1. Bauabschnitt, Mai-Dez. 1926, 173 Wohnungen
  2. Bauabschnitt, Juli 1927-März 1928, 565 Wohnungen
  3. Bauabschnitt, Aug. 1928-Dez. 1929, 703 Wohnungen

Nicht gebaut wurde ein parallel zum Damaschkeanger im heutigen Kleingartengebiet vorgesehener südlicher Häuserblock, sowie zwei Blöcke an der Sandplackenstraße und einige Gebäude an der Heerstraße. Ebenfalls nicht gebaut wurde das vorgesehene Volkshaus im Damaschkeanger. In der Mitte des Geländes des dritten Bauabschnittes zwischen Camillo-Sitte-Weg und Heinrich-Tessenow-Weg wurde eine quadratische Fläche für einen Kindergarten freigehalten, der ebenfalls nie gebaut wurde. Die Fläche dient heute als Spielplatz.

Zusätzlich zu den Eigentumshäusern entstanden vereinzelte Mietwohnungen, die bis 1931 direkt vom Hochbauamt vermietet wurden, aber später an die städtische Aktienbaugesellschaft veräußert wurden. Es handelte sich dabei um die zehn Versuchshäuser in der Straße „Am Hofgut“, die Ganghäuser entlang der Ludwig-Landmann-Straße, den sog. „Brennerblock“ (benannt nach seinem Architekten Anton Brenner) am Ebelfeld und fünfzig Einfamilienreihenhäuser zwischen Heerstraße und Muthesius-Weg. Weiterer Bedarf nach Mietwohnungen wurde durch die in den Jahren 1929-31 gebaute Siedlung Westhausen gedeckt.

In der Olbrichstraße wurde eine Zentralwäscherei eingerichtet, deren Benutzung für die Bewohner des 2. Bauabschnitts verpflichtend war. An der Straßenecke Am Ebelfeld/Damaschkeanger entstand ein Gebäude für eine Gaststätte, in Eckhäusern wurde Platz für Ladengeschäfte geschaffen und zwischen Heerstrasse und Damaschkeanger wurde im Gebiet des 1. Bauabschnitts eine Siedlungsgärtnerei geschaffen. Schließlich wurde eine zentrale Rundfunkanlage für den Siedlungsfunk eingerichtet.

Im Jahre 1930 folgte am Rand der Siedlung der Bau einer Grundschule, die zunächst Hindenburgschule, später Ebelfeldschule hieß.

Zur Herstellung wurde in der Praunheimer Siedlung auch erstmals das Frankfurter Montageverfahren erprobt. Hierbei handelte es sich um ein Forschungsprogramm, bei dem die Vorteile der Plattenbauweise (Serienherstellung, Verringerung der Wandstärken, Witterungsunabhängigkeit) getestet werden sollten. Die Platten bestanden aus 62,5% Bimskies, 25% Bimssand und 12,5% Portlandzement und wurden in Formen aus hölzernen Bohlen gegossen. Hergestellt wurden sie zunächst im Haus der Technik auf dem Messegelände, später in einer Plattenfabrik auf dem Gelände des Osthafens.

Die Auswahl der Bewerber um eine Reichsheimstätte traf die Stadt Frankfurt. Bevorzugt wurden hierbei folgende Personengruppen:

  • Kriegsteilnehmer
  • Witwen von Gefallenen
  • kinderreiche Familien
  • Frankfurter, die der Stadt eine brauchbare Altbauwohnung überließen
  • bereits seit einem Jahr als wohnungssuchend Gemeldete

Die erste Statistik gibt folgende Zusammensetzung der Erstsiedler an:

  • 33% städtische und staatliche Beamte
  • 26% Arbeiter
  • 24% Kaufmännische Angestellte
  • 17% Technische und Bankbeamte, freie Berufe, Lehrer

Der Kaufpreis eines Eigenheims lag je nach Bautyp zwischen 14.000,- und 22.000,- RM. Außer einer Grundeinlage von 500,- RM war kein weiteres Eigenkapital erforderlich. Zur Tilgung der Darlehen und Zinsen aus der Hauszinssteuerhypothek und der städtischen Darlehen mussten monatlich zwischen 57,- RM und 95,- RM (bei einem durchschnittlichen Arbeitermonatsverdienst von 240,- RM in 1925) während einer Laufzeit von 33 bis 46 Jahren aufgewendet werden.

Im Jahre 1936 entstand die Idee, zwischen Damaschkeanger und Heerstrasse gegenüber der Siedlungsgärtnerei Garagen zu bauen. 1938 erreichte der Siedlerverein von der Stadt eine finanzielle Beihilfe zur Holzüberdachung der 153 offenen Dachgärten im 1. Bauabschnitt. 1939 wurde der Bau eines Siedlervereinshauses in der Pützerstrasse beschlossen, jedoch wegen Kriegsbeginns nie realisiert. Stattdessen kam es ab 1941 zu Umbauten zum Schutz vor Fliegerangriffen. So wurden in den Kellern Mauerdurchbrüche für Fluchtwege vorgenommen und Splittergräben errichtet. In der Eberstadtstrasse entstand ein großer Luftschutzbunker.

In 1941/42 entstand auf der Nordseite der Heerstrasse ein Werk des Messinstrumenteherstellers Hartmann & Braun, das bis zu 1000 Arbeiter beschäftigt.

Im Juni 1945 wurde ein Großteil der Siedlungshäuser auf der Heerstrasse sowie das gegenüberliegende Werk Hartmann & Braun von einem amerikanischen Fallschirmbataillon beschlagnahmt und mit Stacheldraht abgesperrt. Erst 1948 wurden diese Häuser an die ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben. Im Jahre 1947 wurden die vor den Häusern eingerichteten Splittergräben gesprengt.

Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren jeder Quadratzentimeter Wohnraum zur Unterbringung von Flüchtlingen und Ausgebombten genutzt wurde, hielt in den 50er Jahren allmählich neuer Wohlstand in der Siedlung Einzug und führte zu zahlreichen An- und Umbaumaßnahmen, die nicht immer in Einklang mit dem Einheitlichkeitsanspruch der Siedlung im Heimstättenvertrag standen.

Ab 1988 wurde es möglich, die Löschung des Reichsheimstättenvermerks im Grundbuch auf Antrag zu erwirken. Durch die vollständige Aufhebung des Reichsheimstättengesetzes im Jahre 1993 verschwanden sämtliche Verpflichtungen der Hausbesitzer gegenüber der Stadt und überführten die Siedlung Praunheim in den Zustand einer herkömmlichen Reihenhaussiedlung.

   
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