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Blick in die Geschichte der Siedlung Praunheim

Der Siedlerverein sieht es als eine seiner Aufgaben an, die Historie der Siedlung Praunheim zu erforschen und zu bewahren. Dazu haben wir unter anderem viele alte Zeitungsausschnitte gesammelt und hier ist ein besonderes Schmankerl.

Für alle, die Schwierigkeiten beim Lesen dieser alten Schriftart haben, kommt hier die Übersetzung:

Nummer 56   Das Nachtlager von Neu-Mailand   Sachsenhäuser Anzeiger   30. November 1928
Vor ungefähr einem Jahr hörte ich zum ersten Mal von Neu-Mailand und, da ich längere Zeit von Frankfurt abwesend gewesen, glaubte ich Neu-Mailand entweder in Kanada oder bei Neuseeland suchen zu müssen. Ebenso wird es sicherlich vielen anderen gegangen sein, bis sie die mit Staunen aufzunehmende Erklärung bekamen, daß Neu-Mailand unweit Frankfurt a. M. bei dem harmlosen Orte Praunheim liegt
Die Praunheimer sind friedliche Leute. Sie bauen ihren Kohl, pflanzen Zuckerrüben und Kartoffel, schimpfen auf die Niddaregulierung, bezahlen ihre Steuern, weil sie es nicht umgehen können und spielen einen ausgezeichneten Skat. Mit Frankfurt sind sie durch einen Eingemeindungsvertrag und die Linie 36 verbunden, die den poetischen Namen „Lies’chen“ trägt. Das „Praunheimer Lies’chen“ fährt ab Schönhof und bietet die vortreffliche Gelegenheit, auch die neuere, nicht aber die bessere Hälfte von Praunheim kennen zu lernen, die allem deutschen Volkstum zum Trotze „Neu-Mailand“ benannt wird. Wer denkt bei diesem Namen nicht an ein Meer von Sonne, veilchenblauen, wolkenlosen Himmel und herrliche Paläste? Neu-Mailand und das Lies’chen passen weder in ihrer Bauweise noch ihrem Namen nach zusammen, aber beide sind aus dem Poetischen Gemüte der Praunheimer geboren.
Ob die Neu-Mailänder selbst ebenso poetisch sind? – Zu einem abschließenden Urteil bin ich in dieser Hinsicht noch nicht gekommen, aber so viel steht fest, daß sie wie die Spitzweg’schen Philosophen leben und über das Bett den Regenschirm spannen, um die Wassermassen abzulenken, die durch das May’sche Reformdach sickern. – Ja der May macht nicht nur alles neu, er macht sogar alles naß. – Vielleicht ist das aber auch nur eine Kinderkrankheit, die nach weiteren Erfahrungen mit dem flachen Dach abgestellt werden kann. So lange müssen die Siedler sich damit abfinden, daß es ihnen in die Stube regnet.
Die jüngsten Ergüsse vom Himmelszelt, welches in Neu-Mailand nicht azurblau, sondern bleigrau ist, bewirkten, daß es in alle Schlafstuben tropfte und rieselte und zwar fand das Wasser seinen Weg durch den Dachgarten, dessen Verkleisterung mit Teer auch den Stempel der irdischen Vergänglichkeit trägt.
Am ersten Morgen, an dem das in größerem Ausmaße geschah, begannen die Neu-Mailänder das „Bau-Büro“ zu stürmen, was zweckmäßigerweise direkt an Ort und Stelle angebracht ist. Dadurch ist es möglich, daß die an allen Ecken und Kanten auftretenden Schäden wenigstens statistisch erfaßt werden, was für das Hochbauamt insofern von Interesse, als damit ein Gradmesser der Rentabilität der May-Bauten gegeben ist.  – Doch halten wir uns nicht mit „Nebensächlichkeiten“ auf und kehren wir zurück zu dem fraglichen Morgen.  – Selbst dem Bauamte wurden der Reklamationen u viele. Es klingelte das Telephon, es klopfte energisch an die Türe und ob der Mund fern oder nahe, aus jeden erscholl der dringende Ruf: „Mir regnets in die Bude!“ – Inzwischen ging die Sache ihren Amtsweg, das heißt, es regnete auch am Samstag, Sonntag und Montag in die Bude, da bekanntlich, so dachte das Bauamt, frischer Herbstregen für Möbel und Betten ein überall zu empfehlendes Politurmittel ist, und außerdem die Gesundheit der Menschen zum großen Teil von der Feuchtigkeit der Schlafzimmerluft abhängt. – Am Montag geschah allerdings wirklich etwas und zwar etwas, was kein Neu-Mailänder je vergißt, selbst wenn er, dank der gesunden Schlafzimmerfeuchtigkeit, 100 Jahre alt würde. Es erschien ein Gesandter des Hochbauamtes und zwar ein leibhaftiger Baurat. Der besah sich die Sache sehr genau und versprach schleunigste Abhilfe. – Unberufen, teu, teu, teu!
Inzwischen ist noch nichts geschehen und wenn der Herrgott sich nicht selbst der Neu-Mailänder erbarmt und den reichlichen Regenstrom eingestellt hätte, würden sie noch immer allnächtlich mit dem Regenschirm zu Bette gehen.             Dr. D.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
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